Zwei Dorfkirchen

Die folgende illustrierte Betrachtung wurde im Sommer 1929 von Siegfried Hirte, einem 18jährigen Schüler der Herzog Heinrich-Schule in Barby, verfaßt und in Form eines selbst angefertigten Albums als kleines Kunstwerk und würdiges Geschenk gestaltet.
Die beschriebenen Kirchen liegen in der Nähe von Barby (Sachsen-Anhalt).
Wie es diesen beiden Kirchen heute geht? Schauen Sie selbst!
Daß der Text ein wenig undiplomatisch ausfällt, macht ihn lesenswerter; Widerspruch ist erlaubt!
Wir hoffen sehr, daß die Gödnitzer, wenn sie diesen Text lesen, nicht zu traurig werden. Dem Autor verzeihe man seinen jugendlichen Überschwang!
Vielleicht läßt sich jemand dazu anregen, ähnlich tiefschürfende Betrachtungen zu Kirchen seiner eigenen Umgebung anzustellen. Gerade unsere Dorfkirchen verdienen - gerne auch kritische - Aufmerksamkeit.
 
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Sonntagmorgen! Mühsam frißt sich die Sonne durch den Nebel. Über den Wäldern des rechten Elbufers lagert noch Nacht. Ich schreite durch die taufrischen Elbwiesen, um auf den Eisenbahndamm zu gelangen. Die Blätter der alten Weiden zittern, die Rüstern rauschen. Noch ein paar stämmige Bäume- dann ist der Wald zu Ende. Die Sonne hat gesiegt. Sie lacht auf weite Wiesen, auf wogende Getreidefelder herab. In der Ferne schießen aus den Ähren die Kirchtürme von zwei Dörfern hervor. Der eine Turm gehört zum Dorf Gödnitz, der andere zu Flötz. Bei einer genaueren Betrachtung der Kirchen muß ich jedoch feststellen, dass eigentlich nur eine Kirche in ihren Ort gehört. Nur eine Kirche ergibt ein harmonisches und friedliches Bild mit ihrem Dorfe, mit ihrer Umgebung. Die andere macht dagegen einen kalten, starren, ortsfremden Eindruck auf mich. Ich fühle, dass sie nicht in die Landschaft passt. "Wie können zwei Kirchen einen so verschiedenartigen Eindruck auf mich machen?" Diese Frage kann natürlich von Interesse sein, und ich will versuchen, die Gründe für diese Verschiedenheit zu finden.
Floetz
Die Kirche von Flötz
Goednitz"
Kirche von Gödnitz
Eine gewachsene Kirche.
Ein Bau aus wuchtigen Feldsteinen, ein einfacher Fachwerkturm, plumpe Pfeiler an jeder Seite des Baues, ein einfaches Ziegeldach, das ist die Flötzer Kirche. Eine echte Bauernkirche! Die einfache, plumpe Bauweise gibt ihr einen behäbigen, bäuerlichen Charakter. Der Erbauer, der ein einfacher Handwerker aus dem Volk gewesenen sein mag, ist unbekannt. Hier weht eine frische natürliche Landluft - das ist Volkskunst.
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Foto Die Lage der Kirche auf dem Berge, die Wehrmauern und die dicken Pfeiler deuten auf ein hohes Alter hin und geben der Kirche den Stempel eines Wehrbaues. Sie ist im 12. o. 13. Jahrhundert erbaut und diente vor allem als Festung gegen räuberische Überfälle in Kriegszeiten. Auf ein hohes Alter der Kirche weist einen alte Glocke hin. Die Inschrift: "gloria in excelsis, deo et intr." ist in Spiegelschrift auf der Glocke zu lesen.
Einen Kunststil findest Du in Volkskirchen nicht. Der Baumeister der wahren Volkskirche ist allzusehr von Material und Technik abhängig. Es wird nicht aus einem bestimmten Zeitgeist heraus gebaut. Es gibt hier keinen Kunststil und dies ist für die Volkskunst von Vorteil. Sie wird nicht von äußeren Einflüssen verändert, in ihren Grundzügen bleibt sie immer beständig, wie auch der Bauer immer hartnäckiger als der Städter an seiner Überzeugung festhält. Was sagt uns hierüber dieses alte Kirchenfenster? Zeigt es nicht trotz seiner Einfachheit eine künstlerische Wirkung?
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Eine hingestellte Kirche.
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Was für ein Gegenteil ist dagegen die Dorfkirche von Gödnitz! Ein aufdringliches Turmgewächs, ein ungeschickter Bau. Durch einen geschmacklosen Eisenzaun gelangt man an das Eingangstor.
Ein großer Torbogen, der romanische Bauart nachahmen soll, wird von zwei Säulen getragen, die uns plötzlich in die Antike versetzen. Wir bewundern daran die Polsterkehle und lassen unseren Blick an der korinthischen Säule hinaufgleiten. Plötzlich werden wir aufgehalten; dicke Leibbänder, ähnlich denen einer Zigarre, versperren uns den Weg.
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Kanzel in der Kirche v. Gödnitz
Durch die große Flügeltür gelangt man in einem hellerleuchteten Raum. Der Altar will einen durchaus gotischen Eindruck machen, während die schönen, buntgemusterten Fliesen am Fußboden und am Wandsockel an die Küche meines Elternhauses erinnern. Die Kanzel will ebenso einen gotischen Eindruck machen. Sie will den Bauern in eine Welt der Ideen heineinversetzen.
So finden wir ein wenig nachgeahmte Antike, ein wenig Gotik, ein wenig Romanisches der Kirche von Gödnitz.
Ist das Volkskunst?
 
Ich habe jetzt einen Gang durch beide Kirchen gemacht und möchte an Hand besonders guter Gegensätze die Gedanken noch vertiefen.
Ich habe die eine Kirche eine gewachsene, die andere eine hingestellte Kirche genannt
"Gewachsene Kirchen sind entstanden aus dem Bedürfnis der Gemeinde heraus. Ein Bau zum Zwecke des ländlichen Gottesdienstes mit dörflichen Mitteln, den dörflichen Kulturverhältnissen gemäß geschaffen", sagt Damman.
[Anmerkung: Hans Damman, Bildhauer und Architekt, Berlin]
Gestellte Kirchen werden dagegen auf Beschluß eines oberkirchenrätlichen oder fürstlichen Fürguthaltens für das Dorf bestellt. Diese Kirchen stehen teilnahmslos wie Schildwachen im Dorfe. An der Kirche in Gödnitz steht über dem Eingang: "Gestiftet vom Fürsten von Anhalt im Jahre 1900."
Eine gewachsene Kirche verwächst außerordentlich schnell mit ihrer Umgebung. Wer vom Mittelpunkt im Dorfe Flötz, also vom Lindenplatz aus, zur Kirche hinaufgegangen ist, weiß sehr gut, welch harmonisches, friedliches Bild die alte Kirche, das völlig weinumrankte Schulhaus und die umliegenden Häuser abgeben. Der missglückte Bau von Gödnitz dagegen vernichtet, zerstört die dörfliche Umgebung
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Die Pfeiler der Flötzer Kirche geben ihr besonders den Ausdruck einer Wehrkirche. Wenn einen Verteidigungskirche im damaligen Sinn auch nicht mehr nötig ist, so können wir heute die Kirche von Flötz als Verteidigungskirche symbolisch auffassen. Schutz gegen alle städtische Kultur. Die Kirche ist für die Erwachsenen im Dorf einziger geistiger Mittelpunkt. Ein jedes Dorf muß versuchen, seinen ländlichen Charakter zu schützen. Schützen gegen allen Kitsch, alle Pfuscherei, die aus der Stadt kommen. Schuld daran ist der starke Nachahmungsdrang der deutschen Landbewohner. In der Sitte, in der Mode, in der Tracht möchte er dem Städter gleichstehen und trifft so die unglücklichsten und geschmacklosesten Zusammenstellungen. Und so ist es auch mit der Gödnitzer Kirche. Bestellung bei einem Kirchenfabrikanten der Stadt! Dieser wählt nun Nummer 13 in seinem Kataloge aus, konstruiert und zeichnet die Kirche in seiner Werkstatt fix und fertig. Und stellt sie auf. Das Ergebnis ist - eine Baukastenkirche. Schwere Bausünden werden hier begangen. Es gibt wenige Männer, wie ein Schulze-Naumburg, die die Landbevölkerung auf diese Fehler aufmerksam machen.
[Anmerkung: Paul Schulze-Naumburg, bedeutender Architekt und Kunsttheoretiker. Er entwarf und baute Schloss Cecilienhof in Potsdam (1913). Sein Buch "Kunst und Rasse", 1928 erschienen, bildete eine wesentliche Grundlage des nationalsozialistischen Kunstverständnisses. Seit 1930 Direktor der Vereinigten Weimarer Kunstlehranstalten.]
 
Die Flötzer Kirche hat einen guten Schützling. Sie und ihr Dorf haben es Herrn Lehrer Müller, Flötz, zu verdanken, dass der alte Taufstein wieder in der Flötzer Kirche aufgestellt wurde. Am Becken sehen wir noch alte Schliffe, die von einer alten Sitte unserer Urväter herrühren. Diese zogen nämlich beim Verlassen der Kirche das Schwert am Taufbecken entlang, um es zu weihen. Eine eingehauene Schrift, die rings um den Stein führt, ist in mittelhochdeutscher Sprache und bestätigt das hohe Alter des Steines. Weil das Taufbecken, das aus Stein gehauen, so einfach und plump wirkt, paßt es so recht in diese Bauernkirche.
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Ich glaube, über das Taufbecken der Gödnitzer Kirche brauche ich kein Wort zu verlieren.
 
Die beiden Altäre
sind wieder typisch Gegensätze und bestätigen noch einmal alle voraufgegangenen Betrachtungen.
Die beiden Altarbilder bilden hierbei eine Ausnahme, wie aus später folgenden Betrachtungen hervorgehen wird
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Altar der Flötzer Kirche
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Altar der Gödnitzer Kirche
Die beiden Altarbilder behandeln das gleiche Thema: Die Kreuzigungsszene wird dargestellt. Das Bild von der Flötzer Kirche ist einfach und schlicht. Die Personen, Christus am Kreuz, Maria und Johannes sind fast primitiv, aber auch dies bestätigt die Zugehörigkeit zur Volkskirche.
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Foto Das Altarbild der Gödnitzer Kirche ist bedeutend älter. Künstlerisch ist es durchaus gut durchgebildet. Von Interesse sind die Ideen, die ein wahrer Künstler in das Relief gelegt hat. Christus ist ans Kreuz genagelt, während die beiden Schächer ans Kreuz gebunden sind. Es soll wohl hierdurch die Furcht der Juden ausgedrückt werden. Mit Erstaunen entdeckte ich auf dem Bilde: Deutsche Gesichter, deutsche Gewänder, rechts in der Mitte einen Erzbischof in Amtstracht, einen Mönch mit einer Kutte, zahlreiche Ritter zu Pferde mit Lanzen in Harnisch und Visir. Dieses Bild gibt zu denken. Ritter und Mönche kreuzigen den Heiland. Das Bild muß aus den ersten Anfängen der Reformation stammen. Der Künstler war ein Anhänger der neuen, protestantischen Lehre und stellte die katholische Kirche als Gegner des wahren Evangeliums hin. Links unten in der Ecke liegen die wenigen Anhänger des Gekreuzigten gedrängt. Die paar Mann und die Mutter des Heilandes bilden ein nur kleines Häuflein im Verhältnis zu den übrigen Personen des Bildes. Dies ist wohl eine Anspielung auf die Machtverhältnisse in den Anfängen der Reformation.
Handlung und Leben ist im Bilde.
Bei einem Vergleich mit den übrigen Gegenständen in der Kirche muß man nun feststellen, dass es durchaus künstlerischen Wert hat. Und wenn auch ein Bild wie dies in der Flötzer Kirche einem einfachen Manne aus dem Volke mehr zusagt als solch ein ideenreiches Kunstwerk, so kann man sich doch freuen, daß wenigstens das Altarbild die Bedeutung der Kirche ein klein wenig erhöht.
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© Pfarramt Ahrenshagen, 23.04.2001